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Koumlnnten Sie etwas uumlber den Unterschied zwischen der Literatur und dem Journalismus sagen? Karla Wolkenburg, Wuppertal
Eine Rose ist bei Goethe nicht einfach eine Rose
Reich-Ranicki: Literarische Arbeiten werden bisweilen ganz einfach in Zeitungen publiziert. Journalistische Arbeiten jedoch laumlsst man gelegentlich nicht etwa in Zeitungen drucken, sondern etwas feierlich zwischen zwei Leinendeckeln. So ist der Ort der Veroumlffentlichung eines Textes nicht unbedingt ein Kriterium der gebotenen Arbeit. Auch ist der Unterschied zwischen der Literatur und dem Journalismus nicht etwa im Thema zu finden. Hier gleich ein Beispiel.
Ein Mann verfuumlhrt ein Maumldchen und schwaumlngert es dann. Dem Maumldchen wird ein Kind geboren, das es dann umbringt. Nun ist es im Kerker. Daraus kann man einen Artikel fuumlr den Lokalteil der Tageszeitung schreiben. Man kann auch eine Tragoumldie schreiben, vielleicht mit dem Namen des Missetaumlters, der alles verschuldet hat. Letztlich ist es auch nicht unbedingt die Qualitaumlt der Sprache, die die beiden Gebiete unterscheidet. Es gibt fabelhaft veroumlffentlichte journalistische Beitraumlge und schlecht geschriebene literarische Arbeiten. Wo ist also der Unterschied? Um es knapp zu formulieren: Die Literatur ist auf einen doppelten Boden angewiesen, der Journalismus hingegen soll sich um diesen Boden uumlberhaupt nicht bemuumlhen, er darf ihn nicht haben.
Was ist denn das – ein doppelter Boden? Der wurde, glaube ich, von Schmugglern erfunden: Die haben Koffer produziert, die geeignet waren, verbotene Ware von einem Land ins andere zu schmuggeln. Der Zollbeamte oumlffnet einen solchen Koffer und sieht sofort, dass sein Inhalt harmlos ist. Doch kann er, wenn er schlau ist, den Boden des Koffers anheben, und dann stellt sich heraus, dass da noch ein zweiter Boden ist. Im Raum zwischen den beiden Boumlden ist verborgen, was geschmuggelt werden soll – vielleicht Drogen, vielleicht Brillanten.
Literatur besteht darin – hat jemand irgendwann behauptet -, dass man etwas sagt und etwas anderes meint. Besser waumlre es: dass man mehr meint, als man ausgedruumlckt hat. Das ist sehr primitiv, aber ganz falsch ist es nicht. Worauf der doppelte Boden abzielt, das wird uumlblicherweise anders genannt: Man spricht von der Zeichenhaftigkeit der Literatur. Oder auch: Der literarische Text weist uumlber sich hinaus.
Zeichen und Symbole
Warum aber ist der zweite Boden, der im Koffer die Schicht verbirgt, auf die es ankommt, warum ist er in der Journalistik unzulaumlssig? Der Journalist hat etwas mitzuteilen, zu berichten, zu erklaumlren. Er wuumlnscht, dass man seine Zeilen genau liest. Das will der Erzaumlhler, der Dichter ebenfalls. Aber er hofft, dass man sich auch Gedanken daruumlber macht, was zwischen seinen Zeilen nur angedeutet oder verborgen ist. Ohne ein Beispiel kommen wir nicht weiter. Aber da alle jetzt von Schiller reden, waumlhlen wir hier Goethe. Blumen sind in Goethes Versen nicht unbedingt reale Pflanzen, es sind vielmehr, jedenfalls sehr haumlufig, Zeichen und Symbole. Zeichen wofuumlr? Sie beziehen sich oft auf die Frauen und auf die Liebe. Das aber ist bei Goethe so gut wie immer ein und dasselbe Thema. Sah ein Knab ein Roumlslein stehn, Roumlslein auf der Heiden. Dieses Roumlslein, das so jung und morgenschoumln lockt, ist (natuumlrlich) ein Maumldchen. Nur geht es hier nicht um die Liebe, sondern um bare Sexualitaumlt. Ein wilder Knabe will das Roumlslein brechen. Es wehrt sich, es will sich dem Zugriff entziehen. Aber half ihr doch kein Weh und Ach, / Musst es eben leiden. Das so beliebte und geschaumltzte Lied ist ein Gedicht uumlber die Vergewaltigung.
Ein anderes Beispiel. Zu Goethe kam eines Tages ein junges Maumldchen, ganz huumlbsch. Es brachte einen Bittbrief seines Bruders. Goethe nahm diesen Brief in die Hand und sagte: Kommen Sie heute Abend zu mir. Sie kam ins Gartenhaus, und er lieszlig sie nicht lang warten, sie ihn auch nicht. Am selben Abend gingen sie ins Bett.
Viele Jahre spaumlter, nachdem sie ihm einen Sohn zur Welt gebracht hatte – von Goethe einen Sohn -, hat er sie geheiratet. Und eines Tages hat er ein Gedicht geschrieben, welches zu den schoumlnsten deutschen Gedichten gehoumlrt. Der Inhalt ist ganz schlicht. In dem beruumlhmten Ich ging im Walde / so fuumlr mich hin wird ein Bluumlmchen mit allen den Wuumlrzlein ausgegraben und zu Hause wieder eingepflanzt: Nun zweigt es immer / Und bluumlht so fort. Gemeint ist wieder eine Frau, diesmal Christiane Vulpius, die Goethe wie jenes im Wald gefundene Bluumlmchen in sein Haus genommen und erst Jahre spaumlter geheiratet hat.
Toumlricht waumlre es, die Literatur gegen den Journalismus auszuspielen oder umgekehrt. Zeitungen moumlgen nuumltzlicher und noumltiger als Romane und Gedichte sein. Ohnehin lesen die meisten Menschen selten Romane und keine Gedichte. Ich will niemanden uumlberreden, dies zu tun.
Man kann ohne Literatur leben. Aber das Leben mit Literatur ist ungleich schoumlner und auch reicher. Und dies eben dank jener Elemente, die wir zwischen den Zeilen finden. Bisweilen finden wir uns selber, unser Gluumlck und unser Leiden.