Pilotprojekt Gemeinschaftsschule: Abenteuer Unterricht Hintergründe Gesellschaft

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Von Julia Schaaf

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Wenn aumlltere und juumlngere Schuumller im gleichen Klassenraum sitzen, koumlnnen beide profitieren

0. November 2009Auf dem Fuszligboden vor der Tafel, dort, wo in anderen Klassen das Lehrerpult steht, liegen acht verschiedene Stapel Arbeitsblaumltter. Schmale Haumluser mit spitzem Giebel sind darauf, jede Etage zwei Kaumlstchen. Unter dem Dachfirst steht eine Zahl, die es zu zerlegen gilt – Einer, Zehner, auch Tausender. Es ist fuumlr jeden etwas dabei, um Matheforscher zu sein, sagt Silke Lembcke, und dann: Nicht so gut faumlnde ich allerdings, wenn man sich etwas aussuchen wuumlrde, das man schon sehr gut kann. Warum? Maxi meldet sich. Da wuumlrde man fast nichts lernen, sagt der Drittklaumlssler. Die Lehrerin nickt. Unser Gehirn will ja immer weiter, sagt sie. Auch die Schulanfaumlnger lauschen gebannt. Gruumlppchenweise kommen die Kinder nach vorne und waumlhlen ein Arbeitsblatt. Ihre Schritte federn, die Gesichter sind wach und gespannt. Viele sehen aus, als koumlnnten sie es kaum erwarten. Als laumlge vor ihnen nicht Mathematik, sondern das Abenteuer einer Schatzsuche.

Waumlhrend in Hamburg der Schulkampf tobt, weil das bildungsbewusste Buumlrgertum gegen sechs Jahre Primarschule kaumlmpft und das Gymnasium als idealen Weg zum Abitur verteidigt, passiert in Berlin etwas Erstaunliches: Die akademische Mittelschicht in Prenzlauer Berg uumlberrennt eine neu gegruumlndete Ganztagsschule, die Kritiker als Untergang des Abendlandes fuumlrchten. Gemeinsamer Unterricht bis Klasse zehn, und das in Gruppen, die jeweils drei Jahrgaumlnge umfassen – Gleichmacherei, schimpften Oppositionspolitiker, bevor das Vorzeigeprojekt des rot-roten Senats im Sommer 2008 mit elf Pilotschulen an den Start ging. Aber in Prenzlauer Berg scheint der ewige Streit um die Struktur des Schulsystems, der vermeintliche Gegensatz zwischen Elitefoumlrderung und Chancengleichheit, uumlberholt.

Die Augen des Jungen leuchten

Eigenstaumlndig: Erstklaumlsslerin Nora macht Mathe

Die Schulleiterin der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule spricht von einer Vision: Kinder in heterogenen Lerngruppen zu Bestleistungen zu bringen. Fuumlr das laufende Schuljahr haben sich dreimal mehr Schuumller beworben, als es Plaumltze gab. Am Ende wurde gelost. Bisher werden rund 220 Schuumller bis einschlieszliglich dritte Klasse unterrichtet, jedes Jahr soll eine Stufe dazukommen, bis auch das Abitur moumlglich ist, von dem derzeit noch niemand weiszlig, wie es aussehen wird. Wer sich im Bezirk nach einer guten Schule umhoumlrt, kommt an der Gemeinschaftsschule nicht vorbei, sagt ein Vater, dessen Sohn nach zwei Jahren an der elitaumlren Phorms-Privatschule zur Projektschule gewechselt ist. Er findet die Grundkonzepte vergleichbar: Beide Einrichtungen holten die Kinder dort ab, wo sie stuumlnden, um sie individuell zu foumlrdern.

Bruno zum Beispiel hat sich sein eigenes Rechenhaus ins Arbeitsheft gemalt. Es hat zwoumllf Stockwerke, unter dem Giebel steht die Zahl 855. Jetzt fuumlllt der Achtjaumlhrige eine Etage nach der anderen. 24 und 612 schreibt er zum Beispiel. Ein anderer Drittklaumlssler zerlegt 165.978 in gleich sechs Zahlen. Einen Tisch weiter malt Paul anstelle von Ziffern Punkte in die Kaumlstchen wie bei einem Wuumlrfel. Im Vorbeigehen schiebt die Lehrerin ihm eine Schachtel zweifarbige Pappchips zu – zur Veranschaulichung. Hier kniet sich Silke Lembcke an einen Gruppentisch und beraumlt, dort legt sie den Arm um einen Schuumller und hakt nach. Als habe sie genau im Blick, wer welche Unterstuumltzung braucht. Ich kenn’ ja die Kinder, sagt die Vierzigjaumlhrige. Staumlndig laufen Schuumller zur Tafel oder reden miteinander. Trotzdem ist es nicht laut. Einer der Schulanfaumlnger hat sich wie die Groszligen sein eigenes Haus ins Heft gemalt. Im Giebel steht eine 100. Die Augen des Jungen leuchten.

Das aber haben Studien widerlegt

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Die Bildungsforschung bietet keinen Ausweg aus den jahrzehntealten Kaumlmpfen um das deutsche Schulwesen. Leistungsvergleiche wie Pisa haben gezeigt, dass Laumlnder mit integrierten Systemen, in denen die Kinder laumlnger gemeinsam lernen, durchaus bessere Ergebnisse erzielen koumlnnen als Deutschland, wo Schuumller vergleichsweise fruumlh auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden. Es gibt aber auch integrierte Systeme, die deutlich schlechter abschneiden. Grundsaumltzlich zeigt die Forschung, dass Schulstrukturen eine untergeordnete Rolle bei der Erklaumlrung von Schulleistungen spielen, sagt der Direktor des Leibniz-Instituts fuumlr die Paumldagogik der Naturwissenschaften in Kiel, Olaf Koumlller. Eine moderne Schule ist eine, die sich in erster Linie um die Unterrichtsentwicklung kuumlmmert. Nun ist hierzulande die Vorstellung weit verbreitet, dass Kinder dann am meisten lernen, wenn ihr Leistungsstand und ihre Voraussetzungen moumlglichst aumlhnlich sind. Das aber haben Studien widerlegt. Wenn man Heterogenitaumlt gut nutzt, koumlnnen schwache und starke Schuumller davon profitieren, sagt Wilfried Bos, Leiter des Instituts fuumlr Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Nur: Wie geht das?

Wer Bruno fragt, der sich an diesem Dienstagmorgen um halb neun in der Lerngruppe der Ernies an der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule uumlber eine Plastiktafel mit Rechenaufgaben beugt, bekommt folgende Antwort: Ich arbeite an meinen Plaumlnen. Es gibt Mathe- und Deutsch-Plaumlne. Da steht drin, bis wo wir arbeiten sollen. Dann muumlssen wir einen Test schreiben, und dann muumlssen wir in den neuen Plan. Und dann gibt es noch Angebote, die koumlnnen einem helfen. Der Achtjaumlhrige mit dem gruumlnen Kapuzenpulli schlaumlgt einen Schnellhefter auf. Auf seinem aktuellen Arbeitsplan steht Addieren und subtrahieren bis 1000. Darunter finden sich Anweisungen, um sich das noumltige Wissen zu erarbeiten – im eigenen Tempo. Die Materialien aus dem Wandregal, mit denen Bruno die frisch erworbenen Faumlhigkeiten dann trainieren soll, erinnern an Knobelspiele. Seine Ergebnisse uumlberpruumlft der Junge selbst.

Spaumlter gibt es von der ganzen Klasse Applaus

Zur selben Zeit im selben Raum: Frieda malt groszlige und kleine Gs auf Linien. Josefine blaumlttert im Duden. Natalie schreibt ihre Wettergeschichte fertig. Eloise laumlsst sich von ihrer Nachbarin die Arbeitsanweisung auf der naumlchsten Seite vorlesen. Partnerarbeit ist erwuumlnscht. Wer langsameren Schuumllern weiterhilft, kann sicher sein, dass er den Stoff tatsaumlchlich verstanden hat. Gleichzeitig spornt das Vorbild der Schnelleren an.

Unterdessen sitzt Silke Lembcke eine halbe Stunde lang neben Ben. Auf dem Tisch liegen Kaumlrtchen mit Buchstaben. Die Lehrerin liest die Laute vor, der Junge sucht das passende Kaumlrtchen. Anschlieszligend hakt Silke Lembcke auf einem Bogen Lernziele ab wie Ich kann Woumlrter schreiben oder Ich houmlre Silben. Sie stellt Ben eine Urkunde uumlber die bestandene Pruumlfung aus und sagt Herzlichen Gluumlckwunsch so, dass es wirklich herzlich klingt. Spaumlter gibt es von der ganzen Klasse Applaus.

Das Prinzip des selbstverantwortlichen Lernens torpediert gaumlngige Vorstellungen von Unterricht. Der Lehrer ist nicht mehr Herrscher, Dompteur und Entertainer zugleich. Er muss seine Schuumller nicht mehr mit Wissen berieseln ohne Garantie, was davon tatsaumlchlich fruchtet. Man weiszlig inzwischen, dass Kinder dann am besten lernen, wenn sie selber lernen wollen und sich begeistern. Jeder Frontalunterricht selbst in einer vermeintlich homogenen Gymnasialklasse jedoch uumlberfordert einen Teil der Klasse, waumlhrend sich andere Kinder langweilen. Deshalb spricht Gabriela Anders-Neufang gerne von nachhaltigem Lernen. Die Rektorin der Gemeinschaftsschule hat schon als Leiterin einer konventionellen Grundschule jahrelang mit dieser Art des Arbeitens Erfahrungen gesammelt. Man verlangt den Kindern mehr ab, sagt sie. Sie muumlssen Methoden lernen, sie muumlssen im Team arbeiten, sie muumlssen sich selbst einschaumltzen koumlnnen, sich strukturieren, sich praumlsentieren und entscheiden, was sie uumlberhaupt wollen. Das ist genau das, was man fuumlr den Beruf spaumlter braucht. Moumlglich, dass bei dieser Arbeitsweise weniger Unterrichtsthemen behandelt werden als anderswo. Aber die Rektorin findet, Tiefe sei wichtiger als Breite.

Kein Schuumller wird aufgegeben

Anders-Neufang ist eine charismatische Frau. Sie wirkt juumlnger als 49 Jahre, vielleicht, weil man ihr anmerkt, dass die Arbeit an ihrer neuen Schule sie nicht auslaugt, sondern mit Energie und Begeisterung erfuumlllt. Ihre Stimme ist warm, die Rede klar. Kann so viel Eigenstaumlndigkeit nicht auch eine Zumutung sein fuumlr Maumldchen und Jungs, die gerade erst dem Kindergarten entwachsen sind? Die Rektorin laumlchelt freundlich. Dafuumlr sind wir ja da, sagt sie. Es gebe Schuumller, die tagtaumlglich an die Hand genommen werden muumlssten. Weil aber das Gros der Gruppe eigenstaumlndig arbeite, haumltten die Lehrer dafuumlr auch Zeit. Das ist der Vorteil, sagt Anders-Neufang. Kein Schuumller wird aufgegeben, lautet das Prinzip der Gemeinschaftsschule, Sitzenbleiben oder das Abschieben auf andere Schulen sind keine Option. Auch Zensuren soll es bis zur achten Klasse nicht geben. Trotzdem berichten Eltern, ihre Kinder wuumlssten sehr genau, wo sie stuumlnden: Die Ruumlckmeldung von Lehrern, die ihre Schuumller beim Lernen wirklich beobachten, ist differenzierter als die Note unter einer Klassenarbeit.

Offener Unterricht jedoch macht Arbeit. Regelmaumlszligig bruumlten die Lehrer in Teams uumlber den Lehrplaumlnen: Welche Kompetenzen wollen sie als Naumlchstes absichern? Und wie soll das gelingen? Viele Materialien, die individuelle Neigungen aufgreifen sollen, muumlssen erst gebastelt werden, gerade im faumlcheruumlbergreifenden Projektunterricht. Und am liebsten haumltte Silke Lembcke weniger Kinder in der Klasse und immer zwei Paumldagogen – nicht nur, wenn der Vertretungsplan es zulaumlsst. Schlieszliglich gehoumlrt zum Prinzip Individualisierung auch, die Klasse regelmaumlszligig zu teilen, um mit Kleingruppen zu arbeiten. Trotzdem findet Lembcke die neue Herangehensweise befriedigender: Man merkt, dass die Kinder gerne lernen.

Keiner der Schuumller scheint Angst zu haben

Waumlhrend des Fruumlhstuumlcks, wenn die Kinder Platzsets auf ihre Tische legen, fragt sie zum Beispiel: Wollt ihr wissen, wie man einen Regentropfen ausmisst? Es wird still, und sie liest vor. Und immer wieder im Lauf des Tages bittet sie ihre Schuumller um kleine Arbeitsstandsberichte vor versammelter Klasse. Dann gibt es viel Lob und Applaus und sichtbar stolze Kinder. Keiner der Schuumller scheint Angst zu haben. Aber wer eine ganze Stunde vergeblich im Computer ein Puzzle sucht oder das Lesen nicht geuumlbt hat und deshalb mit seiner Langsamkeit die Mitschuumller langweilt, bekommt auch Saumltze zu houmlren wie Schade um die Zeit. Was haumlttest du anders machen koumlnnen? oder Nimm’s mir nicht uumlbel. Das ist fuumlr uns zu anstrengend. Der Eindruck, dass jemand bloszliggestellt wuumlrde, entsteht nie.

Ich haumltte mir das fuumlr meine aumlltere Tochter auch gewuumlnscht, sagt eine Mutter, deren Siebenjaumlhrige bei den Ernies ist, waumlhrend die Groszlige aufs Gymnasium geht. Stress und Leistungsdruck gleich in den ersten Klassen, und das bei klugen, fleiszligigen Kindern – viele Eltern berichten, dass die Gemeinschaftsschuumller spuumlrbar mehr Spaszlig am Lernen haben als ihre aumllteren Geschwister. Andererseits gibt es natuumlrlich auch Aumlngste. Lernen die Kinder tatsaumlchlich so viel wie an herkoumlmmlichen Schulen? Ist ihr Abschluss eines Tages genauso viel wert? Was passiert, wenn leistungsstarke Schuumller nach der Grundschulzeit doch lieber ans Gymnasium wechseln? Wie soll das Modell in den houmlheren Klassen funktionieren, etwa in Physik und Chemie? Eltern, die hinter der Gemeinschaftsschule stehen, reden erstaunlich viel von Vertrauen. Das ist ein gutes Stuumlck ein Experiment, sagt die Mutter eines Achtjaumlhrigen. Aber ich glaube, mein Sohn lernt dort mehr.

Eine wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojekts Gemeinschaftsschule in Berlin soll ermitteln, unter welchen Bedingungen das Experiment gelingt.

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Nov 30th, 2009 | Posted in Uncategorized
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