Umberto Eco: Welt wird alles, was sich aufzählen lässt Autoren Feuilleton
Artikel-ServicesUmberto EcoWelt wird alles, was sich aufzaumlhlen laumlsst
Von Joseph Hanimann, Paris
DruckenVersendenSpeichernVorherige Seite
Auf seiner Liste stehen alle moumlglichen Bilder, Texte und Filme: Umberto Eco
0. November 2009Es koumlnnte auch sein, dass es tausend und vier waren. Leporellos Buchfuumlhrung uumlber Don Giovannis Eroberungen im Reich der Galanterie bei Mozart steht auf unsicheren Fuumlszligen. Auf diese schiefe Ebene zwischen Rechenfehler, groszligzuumlgiger Schaumltzung und Chaos hat Umberto Eco sein juumlngstes Beschaumlftigungsthema gestellt. Es geht um das Phaumlnomen der Listeldquo und das Schwindelgefuumlhl des aufzaumlhlenden Immer-mehr, das diese Rudimentaumlrstufe von Weltordnung ausloumlst.
Eco hat damit auf die Einladung des Louvre geantwortet, als Ehrengast im Museum einen Veranstaltungsschwerpunkt zu setzen. Da der italienische Gelehrte aber ein Mann der Bibliotheken ist, begann alles mit einem Buch. Die unendliche Listeldquo heiszligt der Prachtband, der zugleich auf Deutsch, Italienisch und Franzoumlsisch erschien. Das vierhundertseitige Bilder- und Lesebuch zeigt, wie durch die Jahrhunderte die unuumlberschaubare Vielzahl von Pflanzen, Tieren, Laumlndereien, Gestirnen, Engeln, Daumlmonen, Menschenwerken und sonstigen Kuriositaumlten uumlberschaubar gemacht werden sollte.
Mille e tre
Ein Zyklus von Ausstellungen, Film-, Konzert- und Theaterauffuumlhrungen, Vortraumlgen und Lesungen sucht in den naumlchsten Wochen unter Ecos Regie dem Rausch der Anhaumlufung ndash Vertigine della listaldquo heiszligt Ecos Buch im Original ndash von allen Seiten her beizukommen. Um es vorwegzunehmen: Die im graphischen Kabinett des Louvre gezeigte kleine Ausstellung Mille e treldquo ist nur eine Fuszlignote zum Thema. Die Jahre, in denen Persoumlnlichkeiten wie Peter Greenaway oder Jacques Derrida in den Louvre-Bestaumlnden aus dem Vollen schoumlpfen konnten, um ein gewaumlhltes Thema zu illustrieren, sind vorbei.
Die Zyklen der letzten Jahre lieszligen die Gaumlste Robert Badinter, Toni Morrison, Anselm Kiefer, Pierre Boulez vor allem in Nebenveranstaltungen des Museums zu Wort kommen und oumlffneten ihnen nur noch die Magazinraumlume der Druckgraphik zum Stoumlbern. So ist auch bei Eco, dem einstigen Theoretiker des offenen Kunstwerksldquo, das Interessanteste in der Vorbereitungsphase zu der Veranstaltungsreihe zusammengekommen und nachzulesen in seinem Buch.
Aufzaumlhlen schafft Ordnung
Zum Thema
Rezension: Umberto Ecos Die Kunst des BuumlcherliebensUmberto Eco: Innerer Monolog eines E-Books
Man koumlnnte spontan annehmen, das bloszlige Aufzaumlhlen von Phaumlnomenen zeichne den Versuch primitiver Kulturen aus, die Vielfalt der Welt in eine Ordnung zu bringen, waumlhrend houmlher entwickelte Kulturen eine systematische Durchdringung mit durchdachten Kriterien anstrebten. Eco haumllt das fuumlr falsch. Auch die groszligen theologischen und enzyklopaumldischen Summenldquo wurden im Mittelalter, in der Renaissance, im Barock und juumlngst in der Postmoderne in Frage gestellt, schreibt er, und mussten einem Sammelsurium Platz machen, aus dem manchmal neue Ordnungskriterien hervorgingen.
Die konzentrische, hierarchisch gegliederte und geschlossene Form der Welt, wie etwa Hephaistos sie laut Homers 18. Gesang der Iliasldquo auf dem fuumlr Achill geschmiedeten Schild darstellte, platzt manchmal in eine faktische Unendlichkeit auseinander. Auch das zeigt sich schon in der Iliasldquo, wenn im zweiten Gesang die groszlige Zahl der vor Troja an Land gehenden Griechen erst metaphorisch, dann durch lange Aufzaumlhlung der Heerfuumlhrer und Schiffe suggeriert wird.
Bei Vergils Darstellung des Hades oder in Dantes Beschreibung der Engel im Paradies kommt es zu dem, was Eco den Topos der Unsagbarkeitldquo nennt: das ausdruumlckliche Sagen, dass man nicht alles sagen kann. Die kirchlichen Heiligenlitaneien oder die Aufzaumlhlungs-, Ballungs- und Steigerungsformen der klassischen Rhetorik lieszligen die Faszination des Hinzufuumlgens bis ins Rauschhafte wachsen. Selbst die Malerei lernte in Boschs ausufernden Allegorien, Brueghels Burlesken, Altdorfers Schlachtszenen, Tintorettos Heiligen-Haumlufung oder Rubensrsquo Engelsstuumlrzen und so weiterldquo zu sagen. In Arcimboldos seltsamen Portraumlts aus Kraut und Ruumlben sieht Eco die Vielzahl der Liste in die Einheit einer Form uumlbergehen ndash nur sei es eine truumlgerische Einheit, denn eine Ansammlung von Fruumlchten ergibt real nie eine Menschengestalt.
Witz, Aberwitz und Genialitaumlt
Andere Autoren haben schon zuvor das in Listen, Verzeichnissen, Katalogen sich spiegelnde Weltbild untersucht. Eco zitiert wiederholt Robert E. Belknaps 2004 erschienenes Buch The Listldquo. In Erinnerung bleibt auch die Ausstellung uumlber die unendliche Geschichteldquo des Ordnens im Literaturarchiv Marbach. In Paris treibt das Thema in den fuumlr Eco typischen Wirbeln aus Unterhaltsamkeit, enormem Wissensfundus, Stehgreifphilosophie, Witz, Aberwitz und Genialitaumlt. Der praktischenldquo Liste von Einkaufszettel, Gaumlsteliste oder Bibliothekskatalog, die alle rein referentiell, endlich und unveraumlnderlich seien, stellt der Autor die poetischeldquo Liste gegenuumlber.
Sie neigt zum Maszliglosen, wie in der Litanei und deren Klangrausch der Wiederholung, vor allem wenn sie auf Lateinisch gebetet wird, wie in den Mirabilialdquo von Aristoteles oder Isidor von Sevilla, in der unwahrscheinlichen Begegnung einer Naumlhmaschine und eines Regenschirms auf Lautreacuteamonts Operationstisch, in den Ortshaumlufungen von Whitmans Grasblaumltternldquo, im kalauernden Stroumlmen der Flussnamen durch Finnegans Wakeldquo von Joyce oder im engen Spalt, durch den wir in Das Alephldquo von Borges ploumltzlich den Ort aller Orte zu sehen bekommen.
Wundersame Dinge
Eine entscheidende Zaumlsur in der Geschichte des Sammelns ereignete sich in der Renaissance, als die wundersamen Dinge aufhoumlrten, Zeichen einer goumlttlichen Fuumlgung oder Boten auszligergewoumlhnlicher Ereignisse zu sein. Sie wurden Objekte einer (vor)wissenschaftlichen Neugier, in Wunderkammern und bebilderten Buumlchern, diesen Vorlaumlufern unserer Naturhistorischen Museen. Vorlaumlufer seien sie aber auch, so erfahren wir im Louvre, fuumlr die kinematographischen Bilder gewesen.
Was einst in den Kammern der Sammler raumlumlich sich haumlufte, sei in Louis Lumiegraveres kinematographischem Apparat 1895 ins zeitliche Nacheinander gereiht worden. Tatsaumlchlich haben die exotischen, banalen oder komischen Filmschnipsel, die im Eingangsbereich des Louvre unter der Glaspyramide zu sehen sind, die Beliebigkeit einer offenen Liste. Hinter der wirren Abfolge der Szenen scheint sich eine neue Realitaumltssichtung abzuzeichnen.
Vor dem System
Preuszligischblau, Sienarotbraun, Napolitanischgelb, Veronagruumln lesen wir auf einem Zettel in der Ausstellung Mille e treldquo. Der Maler Theacuteodore Rousseau listete dort Farben auf, die er mischen, und Bilder, die er malen wollte. Von Delacroix, Millet und Jongkind werden aumlhnliche Zettel gezeigt, nicht aber die Bilder. Vom realen Tun ist das Auflisten in juumlngerer Zeit oft zum Konzept geworden. Roman Opalka notierte 1965 miniaturhaft alle Folgejahre bis zur Unendlichkeit auf weiszliges Papier. Herman de Vries fuumlllte in seiner Eschenau sutraldquo Blaumltter mit den mehrfarbig geschriebenen Worten one manyldquo oder identicldquo.
Christian Boltanski hat mit dem Schriftsteller Jacques Roubaud fuumlr den Zyklus die Namen saumlmtlicher im Louvre angestellten Personen und saumlmtlicher dort ausgestellten Kuumlnstler erfasst, die dann nach unterschiedlichen Gesichtspunkten in einem Buch aufgelistet wurden, Les Habitants du Louvreldquo. Umberto Ecos im Buch reizvoll entfaltete Gedankenspielerei mit dem Thema der Liste zerbricht in der Ausstellung an den Haumlrten der Konzeptkunst. Wo auf das tausendunddritte Abenteuer kein weiteres folgen kann, ist die Liste zu Ende und beginnt das System. Dafuumlr ist Umberto Eco nicht mehr zustaumlndig.